EXPERIMENTELLE LAGERLOGISTIK

Die Experimentelle Lagerlogistik ist das konzeptuelle Dispositiv meiner künstlerischen Praxis. Ihr Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Lager nicht überwunden ist.
In meinem unmittelbaren Lebensumfeld Kassel und Nordhessen wird diese Gegenwart besonders konkret: Durch ihre zentrale Lage ist die Region zu einem logistischen Knoten geworden, in dem Autobahnen, Industrieparks, Güterverkehrszentren, Warenströme, Depots und Verteilstrukturen den Lebensraum zunehmend prägen. Im wirtschaftlichen Standortmarketing ist dabei sogar vom „Logistikherz Nordhessens“ die Rede. Die Experimentelle Lagerlogistik untersucht diese Ordnungen nicht aus der Distanz, sondern von ihren materiellen und atmosphärischen Folgen her.
Sie fragt, welches Bild von Welt entsteht, wenn alles erfasst, sortiert, gelagert, verteilt und verfügbar gemacht wird — und wie dieses Bild wiederum Wahrnehmung, Bewegung und Verhalten prägt. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei der Schattenseite dieser Ordnung: den entledigten Dingen, die aus ihren Gebrauchszusammenhängen gelöst, aus der Wahrnehmung entfernt und der Verantwortung entzogen wurden. Ich begreife sie nicht als wertlose Reste einer verbrauchten Warenwelt und nicht als Rohstoffe einer erneuten Verwertung, sondern als materialisierte Metamorphosen von Arbeit und Zeit.
Durch Bergung, Umlagerung und künstlerische Aktivierung entstehen im behutsamen und spielerischen Umgang Arbeiten, in denen verdrängtes Material eine neue Eigenlogik und Widerständigkeit erhält. Die Experimentelle Lagerlogistik bezeichnet deshalb weder eine Sammlung von Fundstücken noch ein abgeschlossenes Werk, sondern ein Verfahren, das auf die Bergung eines neuen Materialbewusstseins gerichtet ist.
Ihr räumlicher Ausgangspunkt war das Atelier für Experimentelle Lagerlogistik, das ich ab 2016 in den Räumen der ehemaligen Nachrichtenmeisterei in der Franz-Ullrich-Straße am Kasseler Kulturbahnhof entwickelte. Aus einem persönlichen Arbeitsraum entstand ein Ort des öffentlichen und kollaborativen Arbeitens, an dem bis zur Kündigung durch die Deutsche Bahn im Jahr 2024 zahlreiche Projekte, Happenings und Performances realisiert wurden.

Performance / Aktion „Entgrenzung“ – Still aus Video von Alisa Siebert, 2024
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